Liebe Mitglieder und Förderer des Indienvereins,

in diesem Jahr erhalten Sie den Mitgliederrundbrief später als sonst. Die kurzen Weihnachtsferien erlaubten kaum ein Durchatmen, bevor die Zeugnisse und auch die Abiturprüfungen anstanden. So ist es jetzt schon März geworden. Aber anstatt uns über den Frühling und Lockerungen der Coronaregeln zu freuen, sind wir über den Krieg in der Ukraine entsetzt und fühlen jeden Tag mit den Menschen dort. Wir bewundern auch, wie sie sich weigern, zum Spielball stärkerer Mächte zu werden, wie sie ihr Schicksal selbst bestimmen wollen. Das ist etwas, das es immer wieder zu bestätigen gilt, sei es in politischer Hinsicht, in Wirtschaftskrisen, angesichts der Klimaveränderung, aber auch angesichts der Pandemie oder bei Naturkatastrophen. Das wesentliche Element dabei ist die Solidarität miteinander.

Das letzte Jahr hat der indischen Bevölkerung viel abverlangt. Im Frühjahr stiegen die Coronazahlen rasant an, die indische Regierung unter Modi war nicht nur unvorbereitet, sondern begünstigte auch die Verbreitung des Virus durch Wahlveranstaltungen und die Organisation der Hindu-Wallfahrt Kumbh Mela. Im April zeigte sich das Versagen der Regierung im Zusammenbruch des ohnehin maroden Gesundheitssystems, Menschen starben auf der Straße, während sie vergeblich auf Sauerstoff warteten. In dieser Zeit schrieb die indische Schriftstellerin und politische Aktivistin Arundhati Roy in der englischen Zeitung „Guardian“ einen erschütternden Artikel[1] über die Lage in Delhi und im Norden Indiens, kritisierte aber vor allem in aller Schärfe die nationalistische Hindu-Regierung. Besonders in Erinnerung bleibt ein Zitat des amerikanischen Afroamerikaners Frederick Douglass, eines ehemaligen Sklaven, der im 19. Jahrhundert für das Verbot der Sklaverei eintrat. Dieses gewinnt in der aktuellen Situation eine besondere Bedeutung:  Je langmütiger das Volk die Unterdrückung und das dadurch hervorgerufene Leid erduldet, desto größer wird die Macht des Gewaltherrschers. [2]

Arundhati Roy hat dabei vor allem die arme Bevölkerung Indiens im Blick, die Jahrhunderte der Unterdrückung und Rechtlosigkeit erlebt hat. Aber Selbsthilfeorganisationen wie die PMD (People’s Multipurpose Development Organisation) arbeiten seit Jahrzehnten mit dem Ziel, die Menschen in den Dörfern dazu zu befähigen, sich ihrer Rechte bewusst zu werden, sich politisch zu betätigen, sich eine Zukunft zu erarbeiten durch Teilhabe an der Gesellschaft, durch Bildung, durch wirtschaftliche Selbstständigkeit. Auch wenn die Pandemie die Not vieler Familien verstärkte, so lässt sich der Prozess doch nicht aufhalten.

Aber jeder Prozess braucht Unterstützung. Um den Menschen, vor allem Tagelöhnern, die durch die strengen Corona-Maßnahmen im Frühjahr 2021 erneut ihrer Einkommensmöglichkeiten beraubt waren, zu helfen, starteten wir im Juni eine Aktion. Schüler schrieben ihre Wünsche angesichts der Pandemie auf kleine Karten, die an einen Baum im Schulhof gehängt wurden. Mit diesem Wunschbaum sollte auch die Verbundenheit mit den Kindern und Jugendlichen in Indien, deren Bildungsweg radikal unterbrochen und in vielen Fällen auch abgebrochen wurden, ausgedrückt werden. Die damit verbundenen Spenden von 3000 Euro haben wir an die PMD geschickt, wo sie für Lebensmittel und Masken für besonders bedürftige Menschen in den Dörfern verwendet wurden. Ebenfalls überwiesen wir wie jedes Jahr 5000 Euro, die für Stipendien für Studierende gedacht sind. Die PMD konnte insgesamt 82 Studentinnen und Studenten je 5000 Rs überreichen, um sie damit zu ermutigen, ihre Ausbildung fortzusetzen.

„Wenn die Dörfer zugrunde gehen, geht auch Indien zugrunde“ sagte Mahatma Gandhi vor achtzig Jahren. Angesichts der ländlichen Armut im kolonialen Indien, dem Stumpfsinn der Ungebildeten und Ausgebeuteten, die keine andere Zukunft denken konnten als die Fortsetzung des Kampfs ums Überleben, träumte er von freien und aufgeklärten Menschen, die ein nachhaltiges Leben in einer ökologischen, grünen Umwelt führen und sich selbst versorgen.

In den Jahren seitdem hat die Menschheit überall auf der Welt auf die Ausbeutung der Natur und auf die Industrialisierung als Fortschrittsglauben gesetzt. Und dennoch hat sie das Los der Armen nicht wesentlich geändert. Wie kann die dörfliche Bevölkerung der Armutsfalle entkommen, wenn die Ursachen noch verstärkt werden durch die Klimaveränderungen mit Dürren und Fluten in neuem Ausmaß, durch eingeschränkten Zugang zu Ressourcen wie Wasser und Energie, durch mangelnde Mitsprachemöglichkeiten aufgrund von ungenügenden Bildungschancen, Unwissen um grundlegende Rechte und Geschlechterungleichheit?

Gandhi träumte von einem ganzheitlichen Ansatz für dörfliche Entwicklung. Er träumte von einer grünen, sauberen, schadstoffarmen, kohlenstoffneutralen, ökologischen und solidarischen Lebensweise auf dem Land. Aber ein solches Modell lässt sich nicht von oben verordnen. Die Menschen selbst müssen sich auf den Weg machen und bedürfnisorientierte Projekte entwickeln. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Wandel muss auf vielen Ebenen stattfinden, er muss viele Fragen stellen und viel hinterfragen. Er muss beim Individuum ansetzen, die Haushalte einbeziehen, die kommunale Ebene einschließen und ganze Landstriche erreichen.

Das Green Village Project („Comprehensive Natural Resources Management Project“) der PMD geht diesen Weg. Familien revitalisieren den Boden, sie bauen Gemüse für den Eigengebrauch und den Verkauf an und pflanzen Bäume. Sie gründen Kleinstbetriebe.  Sie stellen sich der komplexen Herausforderung, ihre Existenzgrundlage durch Innovation und Kooperation sowie politische Partizipation zu sichern. Das Ziel ist die Möglichkeit, genug zu ernten, um sich und ihre Familien zu ernähren und ein nachhaltiges Auskommen auf dem Land auch für die junge Generation zu ermöglichen. Auf diesem Weg brauchen sie Unterstützung. Die PMD hilft ihnen dabei, ein Bewusstsein der Möglichkeit von Veränderung auszubilden, Hindernisse zu überwinden, die eigenen Stärken und Schwächen zu analysieren, kollektive Maßnahmen zu treffen. Wir ermöglichen ihnen diese wichtige Starthilfe durch unsere Spenden.

Eine von Mahatma Gandhis bekanntesten Aktionen ist der sogenannte Salzmarsch, der ihn und seine Anhänger über 385 km bis zum Meer führte, um das Salzmonopol der Regierung zu brechen. Fast achtzig Jahre danach machten sich landlose Bauern 2020 auf einen 350 km langen Weg in die Hauptstadt, um für bessere Lebensbedingungen zu protestieren. Auch wir waren im Jahr 2020 unterwegs und haben in unserer kollektiven Spendenaktion symbolisch die Strecke bis nach Indien und sogar wieder zurück bewältigt. Im Jahr 2021 sollte die Bewegung in Form eines Spendenlaufs weitergeführt werden.

Unser letztjähriger Projekttag musste wegen der Pandemie vom Frühjahr auf den September verlegt werden. Am 20. 9. brachen die Schülerinnen und Schüler des AVG auf, um an zwei Orten, im Waldstadion und auf dem Petrisberg, einen Spendenlauf durchzuführen. Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen: 6312 km wurden insgesamt zurückgelegt und damit die Rekordsumme von 47.845,87 Euro an Spendengeldern eingesammelt. Für dieses herausragende Ergebnis danken wir allen Beteiligten sehr herzlich. Damit können wir das 3-Jahresprojekt, kurz „Green Village Project“ (Comprehensive Natural Resources Management Project), der PMD in Tamil Nadu gemeinsam mit dem BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und dem ILD (Internationaler Ländlicher Entwicklungsdienst) nun weitgehend finanzieren.

Mit Hilfe der Spenden werden Baum- und Gemüsesetzlinge an die armen Familien verteilt, aber auch Hilfen zur Anschaffung von Kühen und Ziegen sowie dem Aufbau von „Micro-Enterprises“ (Kleinstunternehmensgründungen) geleistet. In diesem Jahr konnten bereits 45 000 Baumsetzlinge (vor allem Teak, Kokos und Obstbäume, aber auch naturheilkundlich wichtige Gewächse) und eine Million Gemüsepflanzen (Chili, Aubergine, Tomate) für den landwirtschaftlichen Anbau ausgegeben werden.

Bilder zum Projekt finden Sie hier.            
Den ausführlichen Jahresreport 2021 der PMD können Sie hier nachlesen.

Auch in Indien wurde im Laufe des Spätjahres verbreitet geimpft. Viele Menschen in den Dörfern konnten kostenlose Impfungen erhalten. In der Region der PMD, berichtet Dr Arokiasamy, der Leiter der PMD, seien jetzt alle vollständig immunisiert. Mittlerweile hat das Land auch die dritte Welle im Februar dieses Jahres überstanden, die Impfquote liegt für Erstimpfungen bei fast 70 %, für Zweitimpfungen bei circa 37 %. Boosterimpfungen gibt es noch kaum. Die offiziellen Todesfälle werden mit etwas über 500 000 beziffert, aber das sind keine zuverlässigen Zahlen. Auch in Cowdalli sind Todesfälle zu beklagen, im März letzten Jahres starb der Mathematiklehrer der High School, Mr Prasanna. Insgesamt musste die Schule während der Pandemie 10 Monate geschlossen bleiben. Der Schulbetrieb wurde zwischenzeitlich wieder aufgenommen, aber Lehrer und Schüler haben Mühe, die Lücken vor den Prüfungen aufzuholen. Dass wir während der ganzen Zeit unseren Beitrag für die Schule in Höhe von 25.000 Euro pro Jahr aufrechterhalten konnten, hat bedeutet, dass die Schule den Lehrern auch in dieser Zeit ihr Gehalt bezahlen konnte, obwohl die Schulgebühren fast durchweg wegfielen. Auch in diesem Jahr werden wir die St Anthony’s High School weiter unterstützen. Mittlerweile hat die Pfarrei in Cowdalli einen neuen Pfarrer und damit einen neuen Schulleiter bekommen, Fr Antony Mani. Der neue Schulleiter berichtet uns, dass er die dringend nötige Renovierung der Fassade der Schule in Angriff genommen habe.

Während in Cowdalli alle versuchen zur Normalität zurückzufinden, hat uns im Dezember die Nachricht von großen Überschwemmungen im Nordosten Tamil Nadus erreicht. Für 350 Personen des PMD Gebiets kam es besonders schlimm, ihre Häuser wurden zerstört oder stark beschädigt. Für viele haben örtliche Nichtregierungsorganisationen wie auch die staatliche Regierung Tamil Nadus Soforthilfe geleistet. Die PMD konnte auch erreichen, dass von 35 vollkommen zerstörten Häusern immerhin 30 wiederaufgebaut werden. Fünf weitere Familien gingen leer aus, weil der zur Verfügung gestellte Topf leer war. 32 weitere Familien hoffen auf Unterstützung bei der Behebung von Schäden. Auch hier haben wir Unterstützung zugesagt. Und auch wenn wir nur einen geringeren Teil der benötigten Summe werden aufbringen können (die Kosten pro Haus belaufen sich auf 5000 Euro, für die Reparatur der Häuser werden je 320 Euro benötigt), so sollen doch möglichst viele der Familien wieder ein Dach über dem Kopf haben, das sie schützt.

Angesichts der Herausforderungen, denen wir alle dieses Jahr gegenüberstehen, wünschen wir allen auf dieser Welt den Mut und die Kraft, die Zukunft anzugehen und ein solidarisches Miteinander zu leben.

 

[1]  Arundhati Roy: „We are witnessing a crime against humanity“ The Guardian April 28, 2021. https://www.theguardian.com/news/2021/apr/28/crime-against-humanity-arundhati-roy-india-covid-catastrophe?CMP=Share_iOSApp_Other Zugriff am 28.4.2021.

[2] Frederick Douglass (1817-1895) „The limits of tyrants are prescribed by the endurance of those whom they oppress“. https://www.goodreads.com/quotes/45989-let-me-give-you-a-word-of-the-philosophy Zugriff am 7.3.2022