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College

Liebe Mitglieder und Freunde,

wenn man die Nachrichten des letzten Jahres aus Indien betrachtet, dann zeigt sich schon in einer kleinen Auswahl, welche Herausforderungen der Subkontinent bewältigen muss.
Umwelt: 600 Millionen Inder, also etwa die Hälfte der Bevölkerung, ist von extremem Wassermangel betroffen. Schon in zwei Jahren sollen mehr als 20 Großstädte kein Grundwasser mehr haben. Bereits im Jahr 2030 hätten nach Studien der Regierung etwa 40 Prozent der indischen Bevölkerung keinen Zugang mehr zu Trinkwasser. Dass in Kerala Überschwemmungen im August zu einer nationalen Katastrophe führten, zeigt, wie sehr der Klimawandel ein weltweites Problem ist, das gewohnte Lebensweisen und Strukturen massiv beeinflussen und verändern wird.


Wirtschaftswachstum: Indien könnte 2019 die britische Volkswirtschaft überholen, will darüber hinaus mit China gleichziehen. Zur gleichen Zeit fehlen Millionen Arbeitsplätze, vor allem für die junge Generation eine dramatische Perspektive.
Menschenrechte: Der oberste Gerichtshof legalisiert Homosexualität und lässt Ehebruch straffrei werden. Aber Kinder und Frauen sind in hohem Maße Opfer von sexuellen Übergriffen und Verschwörungstheorien entladen sich in Gewalttaten.

Der 24. Januar ist laut Beschluss der UNO-Vollversammlung der internationale Tag der Bildung. Der Tag soll daran erinnern, dass sich die Weltgemeinschaft mit der Verabschiedung der Globalen Nachhaltigkeitsagenda dazu verpflichtet hat, bis 2030 eine chancengerechte und hochwertige Bildung für alle Menschen weltweit zu schaffen. In der Erläuterung dieses vierten globalen Nachhaltigkeitsziels heißt es dazu: „Bildung stattet Lernende aller Altersgruppen mit den notwendigen Fähigkeiten und Werten aus, um verantwortliche Weltbürger zu sein. Dazu zählen die Achtung der Menschenrechte, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der ökologischen Nachhaltigkeit. Investitionen in Bildung und die Stärkung des Bildungssektors sind der Schlüssel zur Entwicklung eines Landes und seiner Menschen.“

Die weltweite Entwicklung, dass durch Dramatisierungen der politischen und gesellschaftlichen Lagen scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen an Popularität gewinnen und so zu Abgrenzung, Isolation, Missgunst und Abscheu führen, widerspricht den globalen Entwicklungszielen. Auch in Indien bemüht sich die regierende national-hinduistische Partei BJP unter Regierungschef Modi durch Ausgrenzung und Betonung religiös-nationalistischer Ideen Anhänger zu mobilisieren, um auch in den in diesem Jahr anstehenden Wahlen für ein neues Parlament mit allen Mitteln die Macht zu verteidigen. Dadurch bekommen konservative und fundamentalistische Hindus Rückenwind, die nicht nur dem altindischen kulturellen und religiösen Erbe neue Geltung verschaffen wollen. Sie grenzen auch andere Religionsgemeinschaften aus, und die in der Verfassung garantierte Gleichberechtigung von Frauen ist ihnen ebenfalls ein Dorn im Auge.

Offensichtlich wurden diese Bestrebungen in den Auseinandersetzungen um den Sabarimala-Tempel im südindischen Bundesstaat Kerala zu Beginn dieses Jahres. In dem Tempel, den jedes Jahr Millionen von Pilgern besuchen, wird die Gottheit Ayyappan verehrt, der nach einer Legende als Prinz ein Gelübde ablegte, in dem er allen weltlichen Verführungen entsagte. Aus diesem Grund war der Tempelbesuch Frauen im Alter zwischen 10 und 50 Jahren versagt, um die Gottheit nicht in Versuchung zu führen. Viele indische Frauen betrachten solche Mythen jedoch zunehmend als Vorwand, um Privilegien der Männer zu schützen und eine patriarchalische Gesellschaftsordnung zu stützen. So erstritten Frauen vor dem obersten Gerichtshof des Landes die Aufhebung des Tempelverbots, der damit die garantierte Gleichberechtigung der Geschlechter bestätigte. Als dann zwei Frauen durch eine Polizeieskorte geschützt, den Tempel betraten, initiierten Hindunationalisten heftige Proteste, die in mehreren Städten zu Ausschreitungen führten, bei dem ein Mann ums Leben kam und mehr als 100 verletzt wurden. Doch die Frauen wehrten sich. Hunderttausende – die Times of India schrieb sogar von fünf Millionen Frauen – formierten eine mehr als 600 Kilometer lange Menschenkette quer durch den Bundesstaat Kerala, um für die Durchsetzung des Diskriminierungsverbots zu protestieren. Eine solche Massenbewegung von Feministinnen, denen sich auch viele Männer anschlossen, ist bisher einzigartig in der Geschichte des Landes und zeigt das wachsende Selbstbewusstsein, welches eine zunehmende Bildung der Frauen erst möglich macht.
Dieses Beispiel nährt die Hoffnung, dass Aufklärung und Bildung gegen Populismus wirken können, und nicht nur in Indien kommt den Frauen dabei eine zentrale Rolle zu.

 Frauen PMDUnsere südindische Partnerorganisation PMD (People’s Multipurpose Development Organisation) initiiert, fördert und unterstützt seit vielen Jahren Frauenselbsthilfegruppen (SHG) in ihrem Projektgebiet, um überkommene Strukturen zu überwinden und ländliche Entwicklung voranzutreiben. Exemplarisch steht hierfür das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) geförderte Milchkuhprojekt, das 2016 startete und im vergangenen Jahr zum Abschluss kam. Insgesamt haben wir das Projekt mit 28,000 Euro mitfinanziert. In sechs ausgewählten Orten wurden durch die PMD in Zusammenarbeit mit lokalen Gruppen, die meist durch Frauen repräsentiert sind, insgesamt 1291 Familien identifiziert, die entweder als Tagelöhner zu den Allerärmsten gehören oder trotz bescheidenem Landbesitz als sehr arm gelten. Gestaffelt nach Bedürftigkeit und sozialer Lage konnten seit 2016 insgesamt 283 Familien durch das Milchkuhprojekt finanziert, Kühe auf Kreditbasis zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus wurden Milchkooperativen gegründet, um die Vermarktung zu sichern und die Familien bzw. die weiblichen Hauptpersonen wurden in Selbsthilfegruppen organisiert, den sogenannten Women Agricultural Development Committes (WADC). Durch die Refinanzierung der zurückgezahlten Kredite konnten weitere 126 Familien mit Kühen ausgestattet werden, so dass mittlerweile einem knappen Drittel der anvisierten Familien geholfen werden konnte, wobei das Programm selbstverständlich über den Förderzeitraum hinaus weiterläuft.Kuhszene
Den Familien wurde mit den Kühen nicht nur eine sichere Einnahmequelle zur Verfügung gestellt. Vielmehr verpflichteten sie sich auch, an vielfältigen Schulungen teilzunehmen, die nicht nur den richtigen Umgang mit den Tieren und eine nachhaltige Landwirtschaft thematisierten, sondern auch gesunde Ernährung, Hygiene, Gesundheit, und Bürgerrechte als Menschen, Frauen, Kinder, Dalits zum Inhalt hatten. Insgesamt wurde den Menschen damit nicht nur ökonomisch geholfen, sondern sie lernten auch, in ihrer Familie, in ihrem Dorf und dem erweiterten politischen und sozialen Umfeld gestärkt und selbstbewusster aufzutreten und für ihre Rechte einzustehen. Dies zeigt sich auch in der Evaluation des Dreijahresprojektes durch die PMD. So gaben nicht nur die meisten Familien in der jüngsten Befragung an, dass sich ihre ökonomische Situation gebessert hat. Es waren auch die meisten davon überzeugt, dass sich ihre sozio-kulturellen und politischen Kompetenzen positiv geändert haben, was sich z.B. auf den Schulbesuch der Kinder, die Behandlung von Mädchen und Jungen in der Familie und die politische Partizipation auswirkte. Den detaillierten Bericht der PMD können Sie hier nachlesen

Die erfolgreiche Arbeit der PMD wollen wir auch in Zukunft gerne weiterhin unterstützen und so arbeiten wir zusammen mit dem internationalen ländlichen Entwicklungsdienst (ILD) und dem BMZ an der Ausgestaltung eines neuen Projektantrags der PMD, der die erfolgreichen Ansätze des Milchkuhprojekts weiterführt. Zentraler Bestandteil des neuen Projekts ist die selbstbestimmte Entwicklungsarbeit. Das bedeutet, die Menschen sollen, unterstützt durch spezifische Hilfs- und Bildungsangebote der PMD, selbst Gründerideen und Initiativen entwickeln, die ihre wirtschaftliche Situation verbessern helfen und die Landflucht verringern. Auch hier wären wir als deutscher Partner finanziell eingebunden. Sobald der Projektantrag vom BMZ genehmigt wird, werden wir Sie darüber unterrichten. Bis dahin werden wir die PMD wie auch im vergangenen Jahr mit dem Stipendiatenprogramm weiterhin unterstützen. Auch die von den Fachschaften Ethik und Religion organisierte Milchkuhaktion zu Weihnachten wird weiterlaufen.

SantoshWie wir bereits in unserer Einladung zur Mitgliederversammlung im Dezember 2018 berichten konnten, sind die jüngsten Entwicklungen in unserer Partnerschule in Cowdalli ebenfalls wieder positiv und wir freuen uns sehr über den Wechsel in der Pfarrei und damit auch in der Schulleitung. Während unseres Besuches im Oktober lernten wir Father Joshi Santosh, den neuen Pfarrer und Schulleiter von Cowdalli als kompetenten Ansprechpartner kennen und die Gespräche mit dem Bischof von Mysore zeigten, dass auch die Diözese sich der Verantwortung stellt und mit dafür Sorge trägt, die Weiterentwicklung der Schule in Cowdalli voranzutreiben.
Nachdem Bischof William bereits im August dem AVG einen Kurzbesuch abgestattet hatte, trafen wir ihn drei weitere Male in Indien zu Gesprächen. Er nahm an einem Vorgespräch zu unserem Besuch der Partnerschule teil, das bei unserer Partnerorganisation, der ODP (Organisation for the Development of People), in Mysore stattfand. Dort waren außerdem der Leiter der ODP, die mit der Untersuchung beauftragte Mitarbeiterin, der neue Pfarrer von Cowdalli sowie Mitglieder der bischöflichen Schulbehörde anwesend. Nachdem wir uns über die aktuelle Situation informiert und ausgetauscht hatten, wurde für den folgenden Tag in Cowdalli eine Konferenz mit den Eltern und mit den Lehrern und Lehrerinnen anberaumt, an der ebenfalls alle in Mysore anwesenden Vertreter teilnahmen. Das Ziel dieser Gespräche war, die Verantwortung aller Beteiligten zu einer Zukunftsorientierung der Schule sowohl in finanzieller als auch in pädagogischer Sicht einzufordern. Zu lange habe man sich in Cowdalli dem bequemen Gedanken hingegeben, dass alle Probleme durch finanzielle Zuwendungen aus Deutschland zu lösen wären. Aber die von uns vertraglich zugesicherte Summe reicht nicht aus, um das Schulbudget zu decken. BischofDenn nicht nur ist die Schülerzahl gestiegen, sondern auch die Kosten für Uniformen und Schulhefte und die Lehrergehälter. Gleichzeitig liegt aber auch der Tagelohn bei mittlerweile 400 Rupien. Höhere Schulgebühren können daher kein Tabu mehr sein, vor allem, wenn wir die sehr bedürftigen Kinder mit Stipendien unterstützen. Daher sollten, so die Botschaft, sich alle bemühen, mehr Verantwortung zu übernehmen: die Eltern, indem sie zuverlässig die Schulgebühren bezahlen sollen, die Lehrer, indem sie beim Einsammeln der Gebühren Transparenzkriterien anlegen und sich außerdem pädagogisch weiterbilden. Insgesamt wurde erkennbar, dass und wie sich die neuen Strukturen entwickeln könnten und dass sich die größere Eigenverantwortung der Schule unter einem integren Schulleiter zu einer besseren und eigentlicheren Partnerschaft entwickeln würde.
Unter diesen Voraussetzungen werden wir gemäß unseren vertraglichen Verpflichtungen wie 2018 auch im kommenden Jahr die Schule in Cowdalli mit insgesamt 25.000 Euro unterstützen.

Ausführlich wird die Reisegruppe an den Indienabenden, die am 23. und 24. März stattfinden werden, von unseren Eindrücken bei der PMD und in Cowdalli berichten. Dazu wollen wir Sie vorab ganz herzlich eingeladen. Das Programm werden Sie zu gegebener Zeit auf der Homepage der Indienpartnerschaft finden.

Wir freuen uns außerdem sehr darüber, dass SoFiA e.V. mit Sara Faß erneut eine Freiwillige nach Cowdalli geschickt hat. Sie wird bis August 2019 in der Schule und im Kindergarten mitarbeiten und so durch die Kontinuität der Freiwilligen mit dafür sorgen, dass nicht nur die Indienreisenden von dem interkulturellen Austausch profitieren, sondern auch die indischen Kinder in einen lebendigen Kontakt mit der deutschen Kultur kommen. Ihren ersten Erfahrungsbericht können Sie nachlesen unter: http://www.sofia-blog.de/2018/12/27/indien-1-rundbrief-von-sara-fass/#more-13369

GandhiWie stark die Indienpartnerschaft des AVG in den vergangenen Jahren innerhalb der Schulgemeinschaft, aber auch in der Außenwahrnehmung unserer Schule verankert ist, zeigt die Entscheidung der Stadt Trier, die Büste von Mahatma Gandhi vor dem Klostergebäude in der Flanderstraße aufzustellen. Die Büste, ein Geschenk der Kulturabteilung Indiens an die Stadt, wurde in einer öffentlichen Zeremonie in Anwesenheit der indischen Botschafterin Mukta Dutta Tomar am 13. Dezember feierlich enthüllt. Wie Oberbürgermeister Wolfram Leibe während des anschließenden Festakts in der Aula der Schule in seiner Dankesrede betonte, würdigt die Stadt mit dem Standort ausdrücklich das langjährige Engagement des Auguste-Viktoria Gymnasiums in Indien. Neben den offiziellen Reden und der Würdigung Gandhis als herausragender Persönlichkeit durch Klaus Jensen war auch die Indienpartnerschaft mit einem Beitrag vertreten. In einer bewegenden Rede skizzierten vier Schülerinnen und Schüler, Teilnehmer der Indienreisen 2017 und 2018, die Projekte der Indienpartnerschaft und berichteten von ihren persönlichen Erfahrungen. Doch auch die Schulgemeinschaft zeigte Flagge zu der von der Stadt organisierten Feierlichkeit. Schüler aus verschiedenen Klassen gestalteten Stoffbahnen mit Zitaten oder Symbolen des großen indischen Freiheitskämpfers. Die Fahnen bildeten dann einen würdigen Schmuck und verbanden die Büste Mahatma Gandhis und die Schule äußerlich und im Gedankengehalt. Und so werden wir durch das Denkmal vor unserer Eingangstür jeden Tag daran erinnert, dass notwendige gesellschaftliche Veränderungen von jedem Einzelnen ausgehen können und müssen.
Die Mitgliederversammlung des Indienvereins fand am 3. Dezember statt. Der bisherige Vorstand wurde entlastet und die Neuwahl des Vorstands erfolgte. Nach Vorschlag und erfolgter Wahl ist Hermann Anton alter und neuer Vorsitzender des Indienvereins. Edith Ehmer bleibt zweite Vorsitzende und Christiane Wojke Kassenwart. Als Beisitzer sind weiterhin vertreten: Dorothea Brandt, Christiane Duhr, André Gillen, Margitta Kauffmann, Daniela Maly, Doris Reuter, Sebastian Weismüller und Frank Wintersinger. Neu als Beisitzerin im Vorstand ist Anne Schaaf. Nicht mehr im Vorstand ist Bernhard Hügle, dem wir für die Unterstützung unserer Arbeit in den letzten Jahren danken, vor allem auch bei den Krisengesprächen in Cowdalli.
TrivandrumSchwerpunkte unserer Tätigkeit in den nächsten Jahren werden zunächst die Arbeit am Folgeprojekt mit der PMD in Zusammenarbeit mit dem ILD/BMZ sowie die Weiterentwicklung der Schule in Cowdalli sein. Außerdem planen wir, einen bilateralen Austausch mit Schülerinnen und Schülern aus Südindien ins Leben zu rufen. Die Reisegruppe besuchte im Herbst zwei Schulen in Trivandrum und beide Schulen haben starkes Interesse an gemeinsamen Projekten, die gegenseitige Besuche mit einschließen.

Darüber hinaus ist es jedoch auch wichtig, innerhalb der Schulgemeinschaft zu diskutieren, wie unser Engagement in Indien und die damit verbundenen interkulturellen Erfahrungen noch stärker in der Schule integriert werden können.

Deshalb möchten wir alle Interessierten zu den Vorstandstreffen des Indienvereins einladen, denn je vielfältiger die Diskussionen werden, desto erfolgreicher können wir den Unesco-Gedanken in unserer Schule am Leben erhalten. Die Termine für die nächsten beiden Treffen sind der 04. April und der 04. Juni jeweils um 18.30 Uhr in der Bibliothek des Klostergebäudes im AVG. Alle, die mitreden und mitmachen wollen, sind herzlich eingeladen.

Auch wenn das neue Jahr bereits begonnen hat, so wünscht der Vorstand der Indienpartnerschaft des Auguste-Viktoria-Gymnasiums Trier Ihnen allen ein gesundes und glückliches Jahr 2019 und wir möchten uns auch auf diesem Weg bei Ihnen für Ihre Unterstützung im Jahre 2018 bedanken.

Dr. Hermann Anton                                     Edith Ehmer