An alle Mitglieder, Freunde und Unterstützende

der Indienpartnerschaft des Auguste-Viktoria-Gymnasiums Trier


Liebe Mitglieder und Freunde,

am 9. November 2016 kündigte der indische Ministerpräsident Modi völlig überraschend eine radikale Bargeldreform an. Über Nacht wurden die 500- und 1000-Rupienscheine ungültig. Dabei zählten die 500-Rupienscheine zu den gängigsten Zahlungsmitteln, umgerechnet entsprechen sie etwa 7 Euro. Indien ist vor allem eine Bargeldwirtschaft, weil fast die Hälfte der indischen Wirtschaft aus kleinen Läden und Händlern besteht, die nur mit Bargeld arbeiten.

Die drastische Maßnahme begründete Modi mit dem Kampf gegen Korruption und Schwarzgeld. Tatsächlich gibt es in Indien eine riesige Schattenwirtschaft, und im internationalen Korruptionsranking hält Indien seit jeher einen Platz unter den Ländern mit hoher Korruption. Bis zum Jahresende konnten die alten Scheine dann unter Vorlage des Personalausweises umgetauscht werden und die Behörden hatten so die Möglichkeit, größere Beträge zu kontrollieren und einen Nachweis über den rechtmäßigen Erwerb einzufordern. Insgesamt bedeutete die ganze Aktion einen enormen bürokratischen Aufwand. Die Menschen mussten stunden-, z.T. tagelang anstehen, um ihre alten Scheine umzutauschen und neues Bargeld zu bekommen. Ob es gelungen ist, größere Mengen an Schwarzgeld aufzustöbern, darüber gibt es von offizieller Seite noch keine Angaben. Wahrscheinlich ist jedoch, dass die ganze Aktion wenig erfolgreich war, da die wirtschaftlich Erfolgreichen schon immer über das Wissen verfügten, wie Schwarzgeld in den offiziellen Geldkreislauf eingeschleust werden kann.

Außerdem hat sich auf typisch indische Art innerhalb von Stunden eine neue Tätigkeit etabliert: das bezahlte Schlangestehen. Ein Riesenheer an unterbeschäftigten Menschen wartete gegen ein paar Rupien Bezahlung geduldig vor den Banken, um im Auftrag eine Bargeldmenge umzutauschen, die dann ohne Nachweis akzeptiert wurde.

 Rundbriefsiebzehna

              Auch in Cowdalli sind viele Kinder stark untergewichtig und für ihr Alter zu klein.

Korruption und Armut gehen Hand in Hand. Obwohl Indien in den vergangenen Jahren ein enormes Wirtschaftwachstum verzeichnete, listet der jährliche Welthungerindex das Land 2016 auf Platz 97 von 118 untersuchten Ländern. Das „National Nutrition Monitoring Bureau“, eine zentrale indische Fachbehörde zum Thema Mangelernährung, kam in seiner letzten großen Studie aus dem Jahr 2013 zu dem Schluss, dass die 800 Millionen Inder, die auf dem Land leben, weniger zu essen haben als in den 70er Jahren. Trotz staatlicher Unterstützung und einer Vielzahl von Fördermaßnahmen leiden vor allem Kinder sowie Schwangere und stillende Frauen unter Protein-, Vitamin- und Kalorienmangel. Im ländlichen Indien ist etwa die Hälfte der Menschen aus diesen drei Gruppen betroffen und in Gesamtindien lag die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren im Jahr 2015 bei erschreckenden 5%.

Hilfe ist also dringend notwendig, aber wie kann vernünftig geholfen werden, wenn die Unterstützung im Sumpf zwischen Korruption und Vetternwirtschaft zu verschwinden droht?

 Schultaschen, Hefte und weitere Schulmaterialien werden an die Kinder der Opfer des Wirbelsturm öffentlich von der PMD verteilt

Unsere südindische Partnerorganisation PMD ist seit mehreren Jahrzehnten im Kampf gegen Armut und gesellschaftliche Diskriminierung wahrscheinlich deshalb so erfolgreich, weil sie Aufklärung und demokratische Partizipation in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt. Auf Dorfebene wurden Frauenselbsthilfe-gruppen und Dorfkomitees gegründet, die durch permanente Schulung und Betreuung lernen, eigene Ideen für ihre wirtschaftliche Entwicklung zu entwickeln und ihre Rechte einzufordern. Gleichzeitig bemüht sich die PMD um größtmögliche Transparenz ihrer Entscheidungsprozesse, so dass die Dorfkomitees die Arbeit der PMD kontrollieren können. Nach dem verheerenden Unwetter im Herbst 2015 diskutierten die lokalen Gruppen die Schäden und meldeten ihre Bitten um Unterstützung an die PMD, die die Sachlage bewertete und sich um finanzielle Unterstützung bemühte.

Die Hilfsgelder wurden dann öffentlich übergeben, so dass die Indienpartnerschaft, die sich im vergangenen Jahr mit über 25.000 Euro an der Beseitigung der Folgen dieses Unwetters beteiligte, von der rechtmäßigen Verwendung dieser Gelder überzeugt sein kann. Genauso transparent erfolgt auch die Vergabe von Teilstipendien an bedürftige Studenten. Im vergangenen Jahr wurden 41 junge Frauen und Männer mit jeweils 10.000 Rupien (knapp 150 Euro) unterstützt – vielen Dank an Alle, die uns speziell in diesem Anliegen unterstützen.

 Öffentliche Stipendienübergabe vom Leiter der PMD an eine Studentin mit Mutter

Weil die Zusammenarbeit mit der PMD von gegenseitigem Vertrauen gekennzeichnet ist, hat sich die Indienpartnerschaft entschlossen, die ländliche Entwicklung in Südindien in einem neuen Dreijahresprojekt zu unterstützen. Unter Vermittlung des hauptberuflichen Entwicklungshelfers Lothar Kleipaß vom Internationalen Ländlichen Entwicklungsdienst (ILD), mit dem wir bereits seit vielen Jahren in Projekten für die PMD zusammenarbeiten, hat am 01.10.2016 ein Programm zur Förderung kleinbäuerlicher Milch-erzeugung von Frauenkooperativen begonnen, das insgesamt ein Fördervolumen von 190.382,00 Euro beinhaltet. Von dieser Summe wird die Indienpartnerschaft allerdings nur 28.081,00 Euro bis Ende des Jahres 2018 aufbringen müssen. Das Projekt wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) gefördert, das insgesamt einen Betrag von 145.159,00 Euro übernimmt. Der Rest in Höhe von 17.142,00 Euro wird lokal von der PMD vor Ort beigesteuert. Mit diesem Programm soll in 6 Dörfern insgesamt 663 Familien unterhalb der Armutsschwelle durch die Vergabe von Milchkühen auf Kreditbasis aus ihrer Not geholfen werden. Die Milchkühe sollen den Familien ein gesichertes Einkommen durch den Verkauf von Milch und Dung bieten sowie einen Beitrag zu einer vollwertigeren Ernährung liefern. Begleitet wird das Programm durch eine intensive Schulung der teilnehmenden Familien. Außerdem wird die tierärztliche Versorgung der Kühe sichergestellt. Den genehmigten Projektantrag an das BMZ mit einer ausführlichen Beschreibung finden Sie hier. Wir freuen uns sehr, dass das BMZ dieses Projekt unterstützt, weil es an das seit Jahren von den Fachschaften Religion/Ethik betriebene “Milchkuhprojekt“ anknüpft. Den Fachschaften sei an dieser Stelle ganz herzlich für ihr Engagement gedankt.

Leider können wir von Cowdalli in diesem Jahr nicht so viel Positives berichten. Zwar ist die Schule bei Schülern und Eltern immer noch sehr beliebt, die Klassen sind mehr als voll und die Prüfungsergebnisse in den Klassen zeigen, dass in der Schule erfolgreich gearbeitet wird. Der Verdacht jedoch, dass Fr Christopher als verantwortlicher Schulleiter Gelder nicht ordnungsgemäß verwendet hat, konnte nicht ausgeräumt werden. Eine Reise nach Indien im Frühjahr 2016 hatte zum Ziel, etwas Licht in die Verhältnisse zu bringen. Es waren lange Treffen mit dem Bischof, dem Finanzverwalter der Diözese, dem Schulleiter Fr Christopher und den Lehrern und Eltern angesetzt, um mehr Transparenz zu erreichen. Dabei gab es durchaus Ergebnisse: Die Jahresabrechnung wurde in diesem Jahr nicht mehr von einem vom Schulleiter gewählten Buchprüfer kontrolliert, sondern von der offiziellen Abteilung im Bistum. Die Lehrergehälter werden jetzt direkt vom Bistum auf die Konten der Lehrer überwiesen. Für die Ausgaben für Uniformen wurde ein Betrag festgelegt und auch die Schulhefte wurden nach einem festen Schlüssel berechnet. Für Lehrergehälter, Schuluniformen und Hefte bezahlten wir im vergangenen Jahr insgesamt 28.730 Euro. Die rechtmäßige Verwendung dieses Geldes ist für uns transparent und wir können sicher sein, dass es ordnungsgemäß verwandt wurde. Weitere finanzielle Zuschüsse wurden jedoch nicht gegeben, da sich ein ausreichendes Budget für die allgemeinen Ausgaben der Schule abzeichnete. Aus den Reihen der Eltern und Lehrer wurde ein Schulausschuss gegründet, der den Schulleiter in seinen Entscheidungen kontrollieren soll und der uns als weiterer Ansprechpartner dient. Für das Schuljahr 2016/2017, das am 31. März endet, wurde ein vorläufiger Vertrag geschlossen, der jetzt im Frühjahr bewertet wird. Diese Bewertung sowie die Gespräche, die wir Ende März bei unserer nächsten Indienreise führen werden, werden über die zukünftige Zusammenarbeit mit Cowdalli entscheiden. Ein weiteres Engagement würde ebenfalls auf eine vertragliche Grundlage gestellt, die die möglichen finanziellen Zuwendungen genau regelt und auch Maßnahmen bei Vertragsverstößen vorsieht.

Dennoch sind wir in Fragen der Transparenz nicht weitergekommen. Sämtliche Kontrollen der vorgelegten Zahlen warfen immer mehr Fragen auf, als beantwortet wurden. Überwiegend waren auch die Antworten von Fr Christopher in sich nicht überzeugend. Eine vorzeitige Versetzung von Fr Christopher wurde uns vom Bistum nicht in Aussicht gestellt, so dass dieser noch ein weiteres Jahr für St Anthony’s verantwortlich sein wird. Der Schulausschuss wird überdies noch längere Zeit nicht in der Lage sein, seine Aufgabe als Kontrollorgan in unserem Sinne wahrzunehmen, was auch daran liegt, dass die Hierarchien in Indien noch sehr stark ausgeprägt sind.

Unser Misstrauen gründet sich vor allem auf den die Einnahmen durch Schulgelder. Diese können wir nicht ausreichend kontrollieren. Durch die Übernahme der Kosten für die Lehrergehälter in der High School und im College soll das Schulgeld ein Obolus für die Eltern sein, der ihnen die Bedeutung einer guten Schulbildung vor Augen führt. Dadurch generiert die Schule auch ein ausreichendes Budget, das ein selbstständiges Wirtschaften ermöglicht. Ganz wichtig ist jedoch, dass gerade armen und benachteiligten Familien der Zugang zu Bildung nicht durch hohes Schulgeld verwehrt wird.        
In Cowdalli wird eventuell eine Neu-strukturierung unserer Hilfe erfolgen müssen, wenn wir nicht unser Ziel aus den Augen verlieren wollen. In dieser Diskussion befinden wir uns derzeit.

 Der letzte Besuch in Cowdalli im März 2016

Ende März wird eine neue Reisegruppe mit drei Lehrern und 13 Schülerinnen und Schülern sich auf den Weg machen und die Projektgebiete in Südindien besuchen. Wir werden viel Zeit damit verbringen, die Zusammenhänge in Cowdalli mit allen Verantwortlichen vor Ort zu erörtern, um hoffentlich zu einem tragfähigen Ergebnis zu kommen, das uns die weitere Zusammenarbeit gestattet. Denn die Leidtragenden weiterer Einschränkungen oder sogar des Abbruchs der Unterstützung werden die mittellosen Familien und deren Kinder sein, denen wir uns seit vielen Jahren verbunden fühlen.
Wir werden Sie zeitnah über die Resultate informieren und sicherlich wird es auch wieder einen Indienabend im AVG geben, an dem die Reisenden persönlich berichten, zu dem Sie noch eine separate Einladung erhalten werden.

Neben der in diesem, wie auch im letzten Jahr sehr intensiven Beschäftigung mit den Vorgängen in Cowdalli stehen für den Vorstand auch die grundsätzlichen Fragen immer auf der Tagesordnung. Das gilt auch für den im November neu gewählten Vorstand, dem Dr. Hermann Anton, Edith Ehmer, Christiane Wojke, Dorothea Brandt, Christiane Duhr, Andre Gillen, Bernhard Hügle, Margitta Kauffmann, Daniela Maly, Doris Reuter, Sebastian Weismüller und Frank Wintersinger angehören.

Unsere inhaltliche Arbeit wird u.a. von folgenden Fragen geleitet: In welcher Form will die Schulgemeinschaft des AVG sich in Indien engagieren? Wie können unsere Ziele als UNESCO-Projektschule durch konkrete Maßnahmen in die Tat umgesetzt werden? Wie können unsere interkulturellen Erfahrungen mit unseren Projektpartnern in Indien unserer Schulgemeinschaft zugutekommen? Wie können wir die UNESCO-Projektschulidee lebendig halten und noch besser im Unterricht und im Alltag integrieren? Diese Fragen betreffen uns alle, Lehrer und Lehrerinnen, Schülerinnen und Schüler und Eltern. Je mehr und je vielfältiger wir uns alle an diesen Diskussionen und Entscheidungen beteiligen, desto stärker wird unsere Hilfe nach außen und die Wirkung nach innen. Daher möchten wir alle Interessierten zu den Treffen des Indienvereins einladen, damit die Vorstandtreffen zu einer lebendigen Lehrer-Schüler-Eltern-Arbeitsgemeinschaft werden, die gemeinschaftlich an der Verwirklichung der UNESCO-Projektschulziele arbeitet. Die Treffen finden in der Regel alle sechs bis acht Wochen abends in der Bibliothek des Klostergebäudes statt und die Termine werden frühzeitig über die Infotafel des Indienvereins und im "Kalender" auf der Homepage des AVG bekannt gegeben. Der Termin für das nächste Treffen ist der Donnerstag, 09. Februar um 20.00 Uhr. Wer Ideen hat, wer helfen und mitmachen will, wer mitreden will, ist herzlich eingeladen.

Auch wenn das neue Jahr bereits begonnen hat, so wünscht der Vorstand der Indienpartnerschaft des Auguste-Viktoria-Gymnasiums Trier Ihnen allen ein gesundes und glückliches Jahr 2017. Wir möchten uns bei Ihnen gleichzeitig auch für Ihre Unterstützung im Jahre 2016 bedanken.